Der Abschied aus den sozialen Medien

Meine ersten digitalen Kontaktanfragen von Menschen, die ich überhaupt nicht kannte war über Facebook in 2005. Die Kontaktsammler waren wieder unterwegs, dieses Mal im Netz. Es scheint inzwischen so etwas wie eine Art „Sammelwut von Kontakten“ aufgebrochen zu sein. Mehr, mehr und wenn wir schon dabei sind, doch ein wenig mehr geht immer.

Die Idee an sich ist auch nicht verkehrt. Je mehr Kontakte Sie haben, desto mehrere Gelegenheiten haben Sie auch, Ihre Dienstleistung oder Produkte anzubieten und zu verkaufen. Zumindest in der Theorie. Die Praxis zeigt jedoch in der Regel ein anderes Bild.

„Die Spezialisierung ist heute eine notwendige Eigenschaft der Positionierung“ ist eine bekannte Aussage aber ich bevorzuge es, eine umgekehrte Definition dafür zu verwenden.

Ich behaupte,

„Die aktive Trennung vom Unwichtigem wichtiger ist als die Spezialisierung“.

Es gibt hier einen Unterschied in der Anwendung denn mit der Spezialisierung kann es angemessen sein, einfach überall präsent zu sein um die eigenen Dienstleistungen oder Produkte anzubieten. Die Gefahren der Zerstreuung sind hoch denn wir wollen natürlich überall bekannt sein aber ohne Verständnis zu haben wo eine Präsenz sinnvoll und zweckdienlich ist, ist die damit verbundene Arbeit einfach nicht zweckdienlich.

Inzwischen werden wir alle regelrecht mit Werbung, selbstverständlich maßgeschneidert auf unsere eigenen Bedürfnisse, bombardiert. Es ist inzwischen ganz normal geworden und wir kennen es nicht anderes. Und genau daran liegt die Problematik.

Ich habe mit einem Menschen gesprochen, die über 17.000 Kontakte auf XING hatte und das ist schon längst keine Ausnahme bei den Kontaktsammlern. Was macht er damit? Er sammelt Kontakte. Bis auf Weiteres. Okay, als Hobby hätte ich absolut nichts dagegen aber als produktive Beschäftigung schon.

Und da bin ich wieder beim Thema Abschied. In den letzten Jahren war ich bei fast allen möglichen Sozialen Netzwerken, die es gibt, aktiv dabei. Täglich habe ich mehrere Stunden mit Postings in verschiedenen Netzen und in unterschiedlichen Sprachen verbracht. Soweit so gut. Als Bekanntmachung (auch ein schönes Wort für Werbung) spricht nichts dagegen – wenn es dabeibleiben wurde.

Nach jedem Beitrag kommt es jetzt – die Kommentare, Meinungen, Gegenmeinungen, Zustimmungen und Fragen dazu. Nun kommt die eigentliche Arbeit – die Beantwortung und Interaktion. Es gibt natürlich Menschen, die behaupten würden, dass dies der absolute Sinn von Social Media ist und auch hier gibt es nichts zu beanstanden. Nur die investierte Zeit auf Aufwand stimmen im Vergleich zu den Ergebnissen in der Regel nicht, wenn Sie maßgeschneiderte Produkte oder Dienstleistungen effektiv bekanntmachen möchten.

Irrtum 1:

Allein durch Präsenz, Fleiß und Arbeit kann ein sinnvolles und gewinnbringendes Geschäft durch Social Media aufgebaut werden.

Für eine einfache Nachricht im Netz brauche ich durchschnittlich, sagen wir 5 Minuten. Mal 18 unterschiedliche Netze (es geht hier insgesamt schneller da nur kopiert oder übersetzt wird). Lassen wir nur 30 Minuten damit verbringen, weil ich natürlich bei jedem Netz auch kurz reinschauen will, ist ja selbstverständlich, oder?

Nun kommt die Interaktion, der eigentliche Sinn von Social Media. Die Fragen zu beantworten und auf Kommentare einzugehen. Und nun kommt das entscheidende Stichwort

Erwartungen

ins Spiel.

Haben Sie schon eine digitale Nachricht bekommen und bevor Sie antworten können kommt die Frage „Hallo, hast du meine Nachricht nicht bekommen?“ Es wird eine fast uneingeschränkte Erreichbarkeit erwartet.

In der Regel steht der Nutzen für das eigene Geschäft nicht im Verhältnis zum Aufwand im Social Media. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die entscheidende Frage ist immer: Was brauchen Sie NICHT? Was ist für meine Zwecke UNWICHTIG, unabhängig wie populär das Netzwerk sein soll.

Irrtum 2:

Erreichbarkeit ist selbstverständlich und muss stets gewährleistet werden um erfolgreich zu sein.

Es gab Zeiten, wo ich permanent erreichbar war denn ich war immer der Überzeugung, dass dies notwendig wäre um die bestmögliche Dienstleistung erbringen zu können. Eine durchschnittliche telefonische Anfrage oder Kennenlernen dauert bei mir circa 20-30 Minuten. Das Problem? Ich unterbreche niemals ein Coaching oder Beratung mit anderen Klienten, wenn das Telefon klingelt. Niemals. Wenn ich über mehrere Tage eingebunden bin dann kann ich ebenfalls nicht kurzfristig zurückrufen und schon gar nicht mit der notwendigen Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit, die erforderlich ist um effektiv zu sein.

Es gab natürlich Irritationen denn den Erwartungen der Klienten hinsichtlich Erreichbarkeit wurden nicht entsprochen. Aber lag das Problem wirklich an den Klienten? Ich behaupte nein, denn das Problem lag bei mir und wie ich meine Dienstleistungen selbst gestalte.

Dann gibt es natürlich die regelmäßigen Prüfungen der „Likes“ und Daumen nach Oben Zeichen, die Sie immer bekommen (möchten). Wie viele „Followers“ haben Sie? Was, nur 1.437? Was ist los mit Ihnen? Es ist nicht meine erwünschte und private Vorgehensweise, die ich mit dem Umgang mit Menschen bevorzuge.

Die Lösung: Ich gehe grundsätzlich nicht ans Telefon ohne vorherige Terminvereinbarung. E-Mails an mich können verschlüsselt werden. Chatten können wir über meine bekannte WhatsApp Nummer (allgemein, ohne Datenschutz) oder über Threema (mit besserem Datenschutz) vorgenommen werden.

Für mich war diese Vorgehensweise am Anfang wirklich gewöhnungsbedürftig und nicht einfach durch zu setzen. Interessant war die Reaktion der Klienten mit der Zeit. Keine Beschwerden über Nichterreichbarkeit kamen, sondern Freude über die neue „geplante und bekannte Erreichbarkeit“, auch wenn diese nur einen Bruchteil der vorherigen Erreichbarkeit darstellte.

Mit dieser Regelung waren sowohl die Klienten als auch ich selbst einfach in allen Hinsichten besser bedient.

Genau so ging es mit den Sozialen Medien. Durch meine Abwesenheit davon habe ich persönlich einen unglaublichen Gewinn an Zeit, Ruhe und Fokussierung erhalten. Vermisse ich Manches? Ehrlich gesagt, natürlich. Nur, ganz ernsthaft, wenn die Nachricht von Freunden oder Bekannten so wichtig ist, dann bin ich bekanntlich auch anderweitig erreichbar.

Übrigens, es war alles anders als einfach mich von den meisten Netzen zu verabschieden. Es war in der Tat nicht einfach und sehr gewöhnungsbedürftig. So integriert und abhängig sind wir von der Technik. Diese Abhängigkeit möchte ich nicht verteufeln, sondern lediglich ein erhöhtes Bewusstsein für die Auswirkungen der Nutzung solcher Techniken darstellen und verdeutlichen.

Für mich war der Abschied die richtige Entscheidung. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Nur ein Handschlag

Ich lege sehr viel Wert auf ein Händeschütteln bei persönlichen Begegnungen, völlig unabhängig von der Anzahl der anwesenden Menschen. Bei Seminaren begrüße ich sämtliche Teilnehmer persönlich an der Eingangstür. Falls die Teilnehmer bereits da sind dann gehe ich durch die Reihen und gebe jede(n) einzelne(n) die Hand, immer und ohne Ausnahme.

Ich werde mich niemals Vortragsredner bezeichnen obwohl ich diese Arbeit regelmäßig praktiziere und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, ob dieses Verhalten in der Branche üblich ist oder nicht aber in den heutigen Zeiten wo ich ein Seminar per Video zu Hause anschauen kann und nicht die Mühe machen muss um persönlich irgendwo zu erscheinen dann werde ich den Teilnehmern eine für mich angemessene Wertschätzung für ihre Teilnahme zum Ausdruck bringen. Die Menschen sind es mir Wert, ohne Ausnahme.

Es gibt natürlich auch andere Vortragsredner, die darüber berichten, dass ein Händeschütteln von der Situation vor Ort abhängt und diese Einstellung ist natürlich nachvollziehbar. Wenn ein bereits bestehendes Publikum von einem Redner übernommen wird dann ist es unüblich und aufwändig durch die Reihen zu gehen und allen die Hand zu reichen. Ich respektiere diese Einstellung durchaus. Sie ist eben nicht meine Einstellung und das ist völlig in Ordnung so.

Beim letzten Seminar von mir bin ich durch die Reihen gegangen und habe sämtlichen Teilnehmern die Hand gegeben. Insgesamt 92 Menschen waren anwesend. Der gesamte Zeitaufwand? 8 Minuten, inklusive jeweils eine kurze Begrüßung.

Mein Fazit: Es gibt kein richtig oder falsch in allen Fällen für ein Händeschütteln. Vieles hängt natürlich von der jeweiligen Situation ab. Nicht immer ist ein Händeschütteln realistisch oder gar möglich aber wenn die Möglichkeit dazu schon besteht, auch wenn ein wenig Mühe aufgebracht werden muss, dann ist eine ganz persönliche Begegnung und Händeschütteln durch nichts zu ersetzen.

 

Ein Armband im Krankenhaus

Eine langjährige Kundin von mir lag plötzlich im Krankenhaus. Schwer erwischt. Krebs im Endstadium. Bei meinem Besuch mit der Familie und Ärzten hat sie die Kraft aufgebracht und mich gefragt, was auf ihrem Armband vom Krankenhaus steht.

Ich habe das Armband angeschaut und ohne zu zögern sagte:

„Zu verkaufen… günstig.“

Totale Stille im Raum. Alle haben mich mit großen Augen angeschaut.

Plötzlich hat sie angefangen zu lachen. Lange und herzlich. So lange, dass die Ärzte ihr gesagt haben, dass sie sich wieder beruhigen soll.

Diese Frau ist gleich am nächsten Tag leider verstorben.

Ein Monat später kam die Tochter auf mich zu und sagte:

„Als Sie damals die Bemerkung mit dem Armband gemacht haben, konnte ich nicht verstehen warum Sie so etwas gesagt haben. Jetzt habe ich verstanden, dass Sie meine Mutter besser kannten als ich obwohl ich die Tochter bin. Ich danke Ihnen, dass meine Mutter ein letztes Mal lachen dürfte bevor sie sich verabschieden musste.“

Mit Demut habe ich mich bedankt, dass ich ein Teil von ihrem Leben sein dürfte, es war mir eine Ehre.

Menschen tiefgründig verstehen und angemessen unterstützen zu können braucht einfach Zeit, Planung, gegenseitige Bereitschaft und Akzeptanz. Ich kann nicht anders und ehrlich gesagt, ich will auch nicht anders denn ein letztes Lachen ist mir mehr Wert als alle geschäftlichen Erfolge zusammen.

Aber das bin nur ich und ich kann damit leben. 🙂